Hautnah
Young Mission

„Gott geht in die Tiefe“

Katechese von Stephan Schröder

von
Diözesanjugendpfarrer
Stephan Schröder

Liebe jungen Freunde in Christus!

Ich möchte Euch heute Morgen von einem Ereignis erzählen, das mir zutiefst unter die Haut gegangen ist. Es war im Jahr 1999, als neu geweihter Priester trat ich hochmotiviert meine erste Vikarsstelle in der Gemeinde in Hövelhof an. Wenige Wochen später ereignete sich in der Gemeinde ein schicksalhaftes Ereignis, das mich sehr berührt hat. Mitten in der Nacht, es war so gegen 1.30 Uhr erhielt ich einen Anruf der Feuerwehrleitstelle Ahden, die zuvor einen Notruf über die 112 erhalten hatte. Noch etwas verschlafen wurde ich sofort mit einer knallharten Botschaft konfrontiert. Die Stimme am Telefon klang ernst und fordernd. Es habe sich in Hövelhof ein schwerer Autounfall mit mehreren Toten und Schwerverletzen zugetragen. Darunter seien auch Jugendliche. Ich solle möglichst sofort zum Unfallort fahren und den Angehörigen seelischen Beistand leisten.

Plötzlich war ich hellwach und realisierte mehr und mehr, dass das ein schrecklicher Notfall war. Dann kam mir der Gedanke, ob ich von den Jugendlichen und den Opfern wohl jemanden kenne. In meiner Not versuchte ich meinen Pfarrer anzurufen, damit er mit mir gemeinsam dort hinfährt. Vergebens! Ich war nun gefordert. Als ich gerade im Auto saß, um mich auf den Weg zum Unfallort zu machen erhielt ich von der Feuerwehrleitstelle Ahden weitere Instruktionen. Ich solle nicht zum Unfallort, sondern zum Feuerwehrgerätehaus in Hövelhof fahren. Dort seien schon erste Angehörige, darunter eine ganze Reihe Jugendlicher, die wohl auf einer Party waren und vergeblich auf ihre Freunde gewartet haben. Kurzum, ich machte mich auf den Weg zum Feuerwehrgerätehaus und kam in einen Aufenthaltsraum mit weinenden und kreischenden jungen Menschen, betroffen schauenden Feuerwehrleuten und Polizisten.

Sie haben darauf vertraut, dass ich die richtigen Worte finde.

Noch immer wusste ich nicht genau was geschehen war. Ein Polizist kam auf mich zu und gab mir die Namen der Verstorbenen, darunter zwei Jugendliche und ein Erwachsener, der der Fahrer eines Taxis war. Die Polizei bat mich mit ihnen gemeinsam einem Elternpaar die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu überbringen. Ich erfuhr, dass der Vater seinen 50. Geburtstag gefeiert hat. Da stand ich nun mit meinem Theologiestudium und kam mir ziemlich erbärmlich und hilflos vor. Ich habe ihm die Nachricht überbracht, die Augen und die Gesichtszüge der Eltern werde ich nie vergessen!

Tage später haben mir Verantwortliche von der Polizei und Feuerwehr gesagt wie gut es gewesen sei, dass ich als Priester dagewesen sei. Obwohl sie Profis für Notfälle sind haben sie darauf vertraut, dass ich die richtigen Worte finde und seelsorglichen Beistand spenden kann. Ehrlich gesagt, ich habe nicht viele Worte rausbekommen, ich vielmehr mit geschwiegen und Menschen in den Arm genommen.

Stephan Schröder hielt die Katechese

Liebe junge Christen!

Unser Young Mission Weekend steht unter dem Motto: „#hautnah – Gott geht in die Tiefe“. Es gibt manchmal Situationen bzw. existentielle Ereignisse in unserem Leben, die gehen uns unter die Haut, wie mein Beispiel. Darüber hinaus haben wir im gestrigen Interview einiges erfahren, was das heißen kann.

So wie wir in Notfällen die 112 wählen müsste es doch auch einen Notruf an Gott geben. Ein Blick in die Heilige Schrift zeigt uns, dass sie voll von Erzählungen ist, wo Menschen ihre Not an Gott richten. So z.B. der Psalmist 50,15: „Rufe mich an am Tag der Not, dann rette ich dich, und du wirst mich ehren.“Man könnte sagen, dass ist die Notfallnummer der Psalmen 5015, die mich daran erinnert, dass Gott mir in der Not beistehen wird. Das ist eine klare Aufforderung, Gott unbedingt in der Not anzurufen und eine klare Zusage, ich werde dich retten, ohne Wenn und Aber, ich stehe dir bei.

Jesus ist also wie ein Erst-Helfer, der die Not wahrnimmt, der sie berührt und wieder zum Leben ermutigt.

Es gibt auch biblische Heilungsgeschichten, wo Jesus Menschen in ihrer Not wahrnimmt. Da ist z.B. die Heilung eines Taubstummen. Im MK-Ev (7,31-37) hören wir von einem Taubstummen, der zu Jesus gebracht wird. Man bat ihn, dass er ihn berühren möge in seiner Not. Jesus legte ihm die Finger auf die Ohren und berührte die Zunge mit seinem Speichel und sagte „Effata“, das heißt „Öffne Dich!“. Sogleich konnte der Taubstumme wieder hören und reden. – Diese Erzählung macht uns deutlich, dass Jesus Menschen in Not unter die Haut gehen möchte. Im übertragenen Sinne könnte man das auch so deuten, wem Jesus unter die Haut geht, der öffnet sich für eine neue Wirklichkeit, der öffnet sich neu dem Leben. Und Jesus weiß um die Kraft der Berührung, er weiß um die Kraft seiner Worte. Jesus ist also wie ein Erst-Helfer, der die Not wahrnimmt, der um Hilfe suchende Menschen ernst nimmt, der ihnen beisteht, sie berührt und wieder zum Leben ermutigt.

Die Kirche beruft sich beispielsweise bei der Krankensalbung auf folgende Bibelstelle im Brief des Jakobus: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.“ (Jak 5,14-15)Der Priester salbt Stirn und Händoberflächen eines Kranken mit den Worten: Stirn: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes.“ – Handoberflächen: „Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“

Zuhören

Übrigens, die Bedeutung und Wertschätzung von Öl begegnet uns in der Heiligen Schrift häufig. Olivenöl war ein kostbares Gut, dem auch heilende Wirkung nachgesagt wurde. So pflegt Öl beispielsweise die Haut und schützt vor Verletzungen. Die Krankensalbung will Menschen in existentiellen Notfällen zeigen, dass Gott bei mir ist, dass er mir im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Nicht ohne Grund haben wir auf der Postkarte geschrieben „Gott geht in die Tiefe!“ – Ja, wenn es mir schlecht geht, wenn ich am Boden liege, wenn ich absolut nicht mehr weiter weiß will Gott in die Tiefe gehen, will er mir wirklich unter die Haut gehen, er will meine verwundete Seele heilen. Als Priester durfte ich immer wieder erfahren, wie wertvoll und stärkend diese Momente der Salbung waren. Es ist ein zutiefst intimer Akt der Nähe Gottes, wenn ich das Krankenöl auf Hände Stirn salbe. Gott möchte mich in meiner Not berühren, mir unter die Haut gehen.

„Du kannst mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen“

Es ist aber nicht nur Gott selbst, den wir in unserer Not anrufen können, sondern auch wir als Christen können „Erst-Helfer“ für unsere Mitmenschen werden. Als Christen wollen wir ja unserem großen Vorbild Jesus Christus nacheifern. Immer dann, wenn Menschen in Not sind, wenn sie unsere Hilfe benötigen, dann können wir ihnen wie Jesus zur Seite stehen. Wir müssen gar nicht viele Worte machen. So freuen sich z.B. kranke und alte Menschen gerne über einen Besuch, dass du dir Zeit nimmst für ein Gespräch. Oder wenn ein Freund oder Freundin Liebeskummer hat, sich schlecht fühlt und am Boden zerstört ist, dann hilft es manchmal nicht viel Worte zu machen, sondern einfach ihn zu berühren, in den Arm zu nehmen, für ihn da zu sein. Oder einem Menschen zu sagen, „Du kannst mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen“ – Das ist ein starkes Zeichen der Nähe. Ich denke an die vielen Flüchtlinge, die aus einer wirklichen Notlage geflohen sind, die daheim ausgebombt wurden und um ihr Leben fürchten mussten. Unsere Mission ist es, diesen Menschen nahe zu sein und sie zu unterstützen.

Liebe jungen Freund ein Christus! „#hautnah – Gott geht in die Tiefe“. So wie wir im Notfall ganz selbstverständlich die 112 wählen, so dürfen wir im Notfall immer auch Gott wählen! – Zu seinem Erste-Helfer-Team gehören wir. Das ist ein Teil unserer Mission: Gott mit Menschen in Not in Berührung zu bringen! Amen.

Die Fotos vom Wochenende haben wir für Euch in einer Webgalerie auf dem Jugendportal des Erzbistums gesammelt.

YOUNG MISSION – eine Initiative junger Christen –
wird organisiert und betreut von Diözesanjugenpfarrer Stephan Schröder und Team
im Jugendhaus Hardehausen, der Jugendbildungs- und Begegnungstätte des Erzbistums Paderborn
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